Saublödes Genuschel - Untergang einer korrekten Ausdrucksweise
Früher fand ich es lustig eine an mich gerichtete Frage korrekt zu beantworten, z.B. der Klassiker:
“Kannst du mir sagen wie spät es ist?” Meine ehrlich Antwort: “Ja”.
Darauf gab sich der Fragesteller oft beleidigt. Mir war das egal, Hätte er mich nach der Uhrzeit gefragt, anstatt so blöde zu nuscheln, wäre seine Wunschantwort in Form der korrekten Uhrzeit wohl zu erwarten gewesen und ich hätte ihm diese mitgeteilt.
Später empfand ich solche Reaktionen noch nerviger, z.B. in einem relativ großen Forum mit Schwerpunkt auf einer Krankheit, kamen öfter Fragen wie “Hat hier jemand Erfahrung mit dem Medikament?” oder “Kennt einer dieses Symptom?”. Beide Fragen waren in der Regel eindeutig mit “Ja” zu beantworten, selbst ohne eigene Erfahrungen mit Medikament oder Symptom hatte man im Forum schon öfter davon gelesen, wenn man länger dabei und nicht vergesslich war. Aber viele User waren wohl zu faul um selber zu suchen, und wollten lieber Zucker in den Arsch geblasen kriegen.
Man wurde für seine ehrliche Antwort oft beschimpft und kriegte unterstellt, man suche nur Streit, wolle den Forenfrieden stören oder sei ein Troll. Nur weil viele Leute einfach zu blöde sind, ihre Fragen präzise zu formulieren, und die Wunschantwort nicht erraten und gegeben wurde, war man also der Bösewicht. Da ging oft soweit, dass der Betreiber bzw. dessen Erfüllungsgehilfen auch zu blöd zum Lesen waren und anstatt die nörgelden Fragesteller um präzisere Fragen und Mäßigung zu ersuchen, die ehrlich Antwortenden um Zurückhaltung bat und mit Sanktionen drohte, wenn das wieder passieren würde.
Na gut, Klappe halten für die Harmonie und nicht mehr auf Fragen reagieren, war die Konsequenz. Das ging dann aber soweit, dass dieses Forum langsam starb wegen mangelnder Beteiligung und weil sich der Eindruck, dort würde einem nicht geholfen, immer mehr durchsetzte.
Dass sich dieses grundlegend blöde Verhalten unpräziser Ausdrucksweise aber in viele Bereiche des Alltags durchgesetzt hat, erschreckt mich schon und belastet mich weil es Zeit und Nerven kostet.
Zum Beispiel im Schriftwechsel mit der Krankenkasse. Der Gesetzgeber hat seit März eine Therapie in den Leistungskatalog der gesetzlichen Kassen aufgenommen, im Gesetz steht deutlich drin, dass die Kassen die Kosten tragen müssen, wenn diese Therapie aus ärztlicher Sicht angezeigt ist und verordnet wird. Der Apotheker braucht natürlich eine Bestätigung, dass er nicht auf den Kosten sitzen bleibt, also fragte ich höflich die Krankenkasse nach einer Bestätigung der Kostenübernahme und legte sogar ein entsprechendes Attest bei.
Antwort der Kasse in etwa so: “Sie haben uns gebeten die Kosten für das Medikament zu übernehmen. Wir haben den MDK um Stellungnahme gebeten. Bitte beiliegenden Fragebogen vom Arzt ausfüllen lassen, dafür anfallende Kosten müssen Sie tragen.”
Ich verstehe, dass die Krankenkasse vor solcher Entscheidung Fachleute befragt und eventuell mehr Infos braucht, aber ich habe nicht darum gebeten, dass sie etwas bezahlen, was sie per Gesetz zahlen müssen. Ich wollte nur eine einfache Bestätigung, nicht diese Unterstellung.
Inwischen kam dann ein weiteres Schreiben, in etwa so: “Wir haben geklärt ob wir die Kosten übernehmen können, die Stellungnahme MDK liegt nun vor. Ergebnis: Unter sozialmedizinischen Aspekten kann die Anwendung bei Ihnen nachvollzogen werden.”
Ach du Elend, die fragen den MDK, ob ihr Kontostand ausreicht, oder was soll der Quatsch. Und wo steht, dass die Kosten übernommen werden, definitiv nicht in dem Brief, und ich habe auch nicht gefragt, ob sie es tun. Die telefonische Rückfrage ergab nur Unverständnis bei der freundlichen Mitarbeiterin, die mir mitteilte: “So sehen unsere Bewilligungsschreiben immer aus, da hat noch keine Apotheke Einwände gehabt.”.
Ich hab nun gelernt, dass blödes Genuschel und sinnlose Unterstellungen wohl seit Jahren gängige Praxis sind, und bin inzwischen sicher damit schneller zu meiner Therapie zu kommen als mit korrekten Formulierungen.